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Geschichte der Biebricher Adolfshöhe und des Biebricher Wasserturms

 

Dies war einmal eine Seite der

Bürgerinitiative für eine Nutzung des Biebricher Wasserturms mit Augenmaß

Heute „ruht“ die BI und die Seite ist bis auf Weiteres rein privat

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Die historische Entwicklung der Biebricher Allee und der Wiesbadener Adolfshöhe mit
besonderem Augenmerk auf die Geschichte des Wasserturms in Wiesbaden Biebrich

Die nachfolgende historische Aufstellung muss vor dem Hintergrund gesehen werden, dass Pläne einer umfangreichen öffentlichen Nutzung des Wasserturms mit der angeblich sehr belebten Historie des Bauwerks begründet wurden. Als die BI diese Seite erstellte, ging  es ihr in erster Linie darum, solchen Aussagen Fakten gegenüberzustellen, die dieses Argument eindeutig entkräften. Im weiteren Verlauf wurde und wird notiert, wie es mit dem Fortbestand dieses Wahrzeichens und seiner Nutzung weitergeht.

Wenn Sie nur Ereignisse mit Bezug auf den Biebricher Wasserturm interessieren, lesen Sie nur die mit (W) markierten Abschnitte.

1749-52                Die Biebricher Allee wird als breiter Feldweg angelegt. Dadurch werden die beiden Schlösser Biebrich und Wiesbaden auf direktem Wege miteinander verbunden. Eine Bebauung entlang des Weges gibt es nicht.

1808                      Der Weg wird befestigt. Er wird nachweislich nicht nur als reiner Verkehrsweg sondern verstärkt auch für Spaziergänge genutzt

1852                      Wiesbaden wird Weltkurstadt

1854-57                Die Biebricher Allee wird auf ihre heutige Größe verbreitert und mit einer festen Decke versehen. Man ergänzt auf der westlichen Seite (Seite Landesdenkmal) einen Fußgängerweg und auf der östlichen Seite einen Reitweg. Die breite Chaussee wird mit vier Reihen Kastanienbäumen bepflanzt

1856                      Als erstes Gebäude an der Alle wird das Lokal „Adolph’s Höhe an der heutigen Kreuzung Biebricher Allee / 2. Ring gebaut. Es wird sehr gut besucht und entsprechend groß ausgebaut. Ansonsten beginnt die Bebauung auf Wiesbadener Seite erst an der heutigen Rheinstraße, auf Biebricher Seite an der heutigen Kreuzung zur Äppelallee.

1870                      Biebrich hat ca. 6500 Einwohner, Wiesbaden ca. 35000. Beide Städte formulieren das gemeinsame Ziel, die Adolfshöhe gezielt als Villengebiet zu erschließen. Die Villenbebauung beginnt von Wiesbadener Seite. Man arbeitet sich langsam den Hang hinauf.

1873                      An der Ecke „Biebricher Allee / Rheinblickstraße“  (die Rheinblickstraße existiert aber noch nicht) wird ein Wohnhaus gebaut, das ab 1884 als „Sanatorium für Nervenkranke“ und ab 1897 als Ausflugslokal genutzt wird (Cafe Rheinblick – s.u.)

1874                      Die erste Querstraße zur Allee wird angelegt: Es ist die Alexandrastraße (sie verläuft in Höhe des Hauptbahnhofes gegenüber der Fischerstraße parallel zum ersten Ring).

1889                      Die erste Straßenbahn Wiesbadens und Biebrichs vom Biebricher Rheinufer über die Adolfshöhe ins Nerotal nimmt ihren Betrieb auf und steigert die Attraktivität der Wohnlage entlang der Allee.

1894                      An der Ecke „Biebricher Allee / Donnersbergstraße“ eröffnet das Ausflugslokal „Rhein-Höhe“es gibt keine umliegende Bebauung. Der Biebricher Magistrat beschließt einen Straßen- und Baufluchtlinienplan für die Felder 250m westlich und östlich der Biebricher Allee. Auch wenn dieser Plan später nur westlich der Allee umgesetzt wurde, so bildet er doch die Grundlage für die heute sehr geschlossene Wohnbebauung auf beiden Seiten der Allee. Ausgenommen von diesem Plan sind die „Moosberger Sande“, auf deren Gelände sich heute Henkell-Trocken, das Landesdenkmal, die Richard Wagner Anlage (Henkell-Park) und weitere Villen befinden.
Die Bebauung auf Biebricher Seite beginnt mit Anlegen der Rheinblickstraße südlich der Gaststätte „Adolph’s Höhe“. Damit unterscheidet sich der Vorgang auf Biebricher Seite von dem auf Wiesbadener Seite: Man arbeitet sich nicht den Hang hinauf, sondern beginnt auf der Anhöhe mit dem Ziel, für wohlhabende, nach Wiesbaden orientierte Bürger die Biebricher Seite der Allee als Wohnlage attraktiv zu machen und damit entsprechende Steuereinnahmen für Biebrich zu gewinnen.

1897                      (W) Biebrich baut seine Wasserversorgung aus:
Mit einem finanziellen Kraftakt erneuert die stark wachsende Stadt Biebrich (mittlerweile ca. 20.000 Einwohner) ihre Wasserversorgung: 700.000 Mark werden investiert für fünf Förderbrunnen am Rhein, ein Pumpwerk, eine 7km lange Druckwasserleitung zum 1000 m³ fassenden Wasserreservoir auf der Adolfshöhe, 10 km Stadtrohrnetz und 650 Hausanschlüsse. Speziell für die Versorgung der bestehenden und geplanten Häuser auf der Adolfshöhe wird neben dem Wasserreservoir der Wasserturm mit einem 200 m³ fassenden Hochbehälter errichtet. Er wird zum sichtbaren Symbol für das Wachstum und damit den Aufstieg der Stadt Biebrich und vor allem äußerlich entsprechend prächtig ausgestaltet. Auf Grund seiner Lage wird er dabei auch mit einer kleinen Aussichtsplattform versehen, die für Besucher unter fachkundiger Begleitung eines Turmwärters zugänglich ist. Seine Höhe beträgt 42m. Die Plattform ist über 235 Stufen zu erreichen, der kreisrunde Grundriss misst 11m im Durchmesser.

Die Einweihung findet am 06.12.1897 statt.

Ganz offensichtlich liegt es nicht in der Absicht der damaligen Stadtplaner, den Wasserturm zu einem kulturellen Zentrum und einem belebten Ort zu machen. So positioniert man den Turm nicht in der Nähe des bestehenden Restaurants Rheinhöhe, sondern richtet ihn und seinen Eingang über 200m entfernt an der Rudolf-Vogt-Straße aus. Diese mündet damals in einen Feldweg – ist also eine Sackgasse. Als Bebauung ist von Anfang an eine Villenbebauung vorgesehen. Die ersten beiden Häuser werden zeitgleich mit dem Turm erbaut. Es werden keine Abstandsflächen vorgesehen, die für aufeinander wartende Menschen in großer Zahl oder gar Gastronomie mit Außenbereich schon damals nötig gewesen wären. Stattdessen wird der Eingangsbereich gegenüber den angrenzenden Grundstücken gerade einmal so schmal ausgelegt, dass die Breite für die technische Wartung ausreichend ist. Der Turm hat also diverse Funktionen entsprechend der hier dargestellten Reihenfolge:

1.       Technisches Bauwerk zur Versorgung der Adolfshöhe mit Leitungswasser (Das Wasserreservoir am Fuß des Turms dient der Wasserversorgung ganz Biebrichs einschließlich des Waldstraßenviertels. Allerdings stößt das System mit der Errichtung des Waldstraßenviertels Anfang der 1920er Jahre an seine Grenzen)

2.       Repräsentatives Bauwerk: Ein Wahrzeichen der Stadt Biebrich und zugleich ein Zeichen für die gehobene Wohnlage, die die Stadt Biebrich an diesem Ort zu bieten hat. Man will zu der Zeit zahlungskräftige Bürger für die Entwicklung des Villengebietes gewinnen und steht hierbei in Konkurrenz zu Wohnlagen im Norden und Osten Wiesbadens.

3.       Aussichtsturm, mit dem die Stadt Biebrich als eine ihrer Attraktionen für sich werben kann. Da die Stadt Biebrich in den folgenden Jahren finanziell klamm ist, erhofft man sich durch Besucher am Turm zudem zusätzliche Einnahmen und bewirbt den Turm intensiv, ohne ihn jedoch je mit touristischen Angeboten zu versehen, die über die reine Nutzung als Aussichtsturm hinausgehen. Die Hoffnung nach nennenswerten Einnahmen erfüllt sich jedoch nicht.

An der Ecke „Biebricher Allee / Rheinblickstraße“ (600m vom Turm entfernt) eröffnet das Cafe-Restaurant Rheinblick. Ein vor allem im Sommer gut besuchtes Gartenlokal mit Fremdenzimmern.

1898                      (W) In diesem Jahr wird von 3.066 Besuchern auf dem Wasserturm berichtet. Es ist die erste Neugier – diese Besucherzahlen werden in den Folgejahren nicht mehr annähernd erreicht. Praktisch alle Besucher kommen zu Fuß und nur der Aussicht wegen. In der Rudolf-Vogt-Straße kehrt spätestens nachdem auch die letzten Villen im Jahr 1900 gebaut sind die dem Gesamtkonzept entsprechende Wohnruhe ein.

1899-1900           (W) Die Besucherzahlen und Einnahmen am Turm sind auch mit Zusatzeinnahmen durch Postkartenverkauf und Himbeerlese ausgesprochen gering. Der Wasserturm ist kein wirklich „belebter“ Ort.

1905-06                Erschließung der „Villenkolonie Adolfshöhe“ westlich der Biebricher Allee: Rittershausstraße, Nassauer Straße, Römerweg und Cheruskerweg. Gleichzeitig Erschließung einer „Kolonie moderner Villen“ im Bereich der Tannhäuser- und Rheingoldstraße unterhalb der Richard Wagner Anlagen (Henkellpark).
Das Restaurant „Alte Adolfshöhe“ (Ecke Biebricher Allee / 2. Ring - ca. 800m vom Wasserturm entfernt) verfügt über eine große Gartenwirtschaft, ein weitläufiges Parkgelände, einen Musikpavillon, einen 600qm großen Tanzsaal mit 400 Sitzplätzen, eine Musikempore und einen eigenen über 30m hohen Aussichtsturm. Dieses Lokal entwickelt sich zu einem Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens: Vereinstreffen, Abiturientenfeiern, Jubiläen, zahllose Konzerte sowie Tanzveranstaltungen.

1907-09                Die Bahnanbindung für Henkell Trocken wird gebaut und mit ihr der „Bahnhof Landesdenkmal“. Henkell Trocken baut sein „Schloss“ in der Sandgrube östlich der Allee. Die Richard-Wagner-Anlagen (Henkellpark) und das Landesdenkmal werden kurz nach dem Tod des Herzogs Adolph zu Nassau in der Sandgrube westlich der Allee angelegt und feierlich eingeweiht.

1910                      Der „Bezirksverein Biebrich-Adolfshöhe“ setzt mit einer Denkschrift die Eingemeindungsdiskussion in Gang. Wiesbaden hat 110.000, Biebrich rund 21.000 Einwohner

1914                      (W) Begin des 1. Weltkrieges. Der Biebricher Wasserturm wird geschlossen – nicht zuletzt auch wegen mangelnder Nachfrage, wodurch es auch nicht lohnt, den Turm offen zu halten.

1915                      Die „Alte Adolfshöhe“ (Ecke Biebricher Allee / 2. Ring) wird zwangsversteigert, da der Besitzer in finanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Das Cafe Rheinblick (Ecke Biebricher Allee / Rheinblickstraße) wechselte in der Folge seinen Namen in „Neue Adolfshöhe“ bzw. einfach nur noch „Adolfshöhe

1918                      Ende des 1. Weltkrieges: Die Franzosen besetzen Wiesbaden. Aus dem Ausflugslokal „Alte Adolfshöhe“ (Ecke Biebricher Allee / 2. Ring) wird ein Bordell

1920                      Das Ausflugslokal „Alte Adolfshöhe“ (Ecke Biebricher Allee / 2. Ring) wechselt erneut den Besitzer. Das Bordell wird geschlossen und das Anwesen zu einem Wohn- und Bürokomplex umgebaut.

1923                      (W) Die Inflation vernichtet das Geldvermögen der Leute. Die Bautätigkeit auf der Adolfshöhe kommt fast vollständig zum Erliegen.
Die Wasserversorgungsnetze von Wiesbaden und Biebrich werden verbunden. Der Wasserturm verliert seine Funktion als Druckerhöher, da die Druckhaltung fortan vom Wiesbadener Versorgungsnetz übernommen wird.

1925                      Die Franzosen rücken ab – Wiesbaden wird von britischen Besatzungstruppen besetzt

1926                      Der Stadt Biebrich droht in der Wirtschaftskrise der Bankrott: Zum 1. Oktober erfolgt als Ausweg die Eingemeindung nach Wiesbaden. Biebrich verliert seine Selbständigkeit, Wiesbaden übernimmt als Gegenleistung den Biebricher Schuldenberg.

1930                      Endgültiger Abzug aller Besatzungstruppen

1937                      Die Firma Cointreau nutzt die „Alte Adolfshöhe“ (Ecke Biebricher Allee / 2. Ring) als Büroniederlassung

1939-45                2. Weltkrieg: Das Cafe Rheinblick (Ecke Biebricher Allee / Rheinblickstraße) wird von einer Fliegerbombe zerstört.

1945                      Wiesbaden hat 123.000 Einwohner

1946                      Wiesbaden hat mit Flüchtlingen und 13.000 Mann Besatzungstruppen 198.000 Einwohner – es herrscht große Wohnungsknappheit

1949                      Nach der Währungsreform kann neu gebaut werden: Zunächst werden vor allem Kriegsschäden beseitigt und Baulücken geschlossen.

1946-52                256 Gebäude im Villengebiet des Mosbacher Bergs sind von den amerikanischen Besatzungstruppen beschlagnahmt. Die 1905-06 errichtete Villenkolonie (s.o.) wird sogar bis an die Gemarkungsgrenze zu Wiesbaden (2. Ring) als „Nassau Area“ in der Fläche abgeriegelt und mit Stacheldraht eingezäunt. Im ebenfalls beschlagnahmten Cafe Rheinhöhe (Ecke Biebricher Allee/Donnersbergstraße) richten die Amerikaner eine Großküche und ein Kasino ein.

1955                      (W) Es erfolgt die Erschließung der bis dahin noch fast völlig unbebauten „Adolfshöhe Ost“ zwischen Rudolf-Vogt-Str. (Wasserturm) und 2. Ring. Mehrere Gesellschaften bauen dort zunächst 1.100 neue Wohnungen. Der Wohnungsnot gehorchend muss man vom Konzept der bisher freistehenden 1-2-Familienhäuser abrücken, versucht aber, durch eine aufgelockerte, abwechslungsreiche Bauweise die Siedlung in die bestehende Villenumgebung zu integrieren. Der Charakter des reinen Wohngebietes bleibt uneingeschränkt erhalten.

1961                      Die Heilig-Geist-Kirche wird eingeweiht und bildet seitdem einen architektonischen und kulturellen Schwerpunkt des Viertels.

1966                      Der Gastronomiebetrieb „Rheinhöhe“ (Ecke Biebricher Allee/Donnersbergstraße – 200m entfernt vom Turm und ohne Bezug zu diesem) wird geschlossen. Das Ausflugslokal wird in Büroräume umgewandelt, 1981 abgerissen und durch Wohnhäuser ersetzt.

1969                      Die „Alte Adolfshöhe“ (Ecke Biebricher Allee / 2. Ring) wird komplett abgerissen und durch einen Wohnkomplex ersetzt.

1973                      Es wird ein Bebauungsplan aufgestellt, in dem die Adolfshöhe als reines Wohngebiet ausgewiesen wird. Grundflächenzahlen und Geschossflächenzahlen werden der vorhandenen Gebietsstruktur für jeden Straßenabschnitt individuell angepasst.

Ca. 1980               (W) Der Biebricher Wasserturm ist im Besitz der Stadtwerke Wiesbaden und wird für ca. 500.000 DM saniert. Zwar bleibt er im Inneren weiter ungenutzt und auch die gelegentliche Öffnung für Besucher ist nicht möglich, da die Treppe marode ist und für deren Sanierung angeblich eine ähnliche Summe veranschlagt werden müsste. Der Äußerliche Anblick dieses Wahrzeichens der Stadt wird dadurch aber mit mehr als minimalem Einsatz gesichert: Das Mauerwerk wird gereinigt und ausgebessert, die Spitze erneuert. Eine Flutlichtanlage wird installiert, mit der der Turm in der Folgezeit zu festlichen Anlässen angestrahlt wird.

2003-05                (W) Den Stadtwerken, denen die laufenden Kosten und Klagen über eine angebliche Vernachlässigung des Turms ein Dorn im Auge sind, gelingt es, einen Käufer für den Turm und das zugehörige Gelände zu finden – ihn also zu privatisieren.

Vorzüge – das Geschäft:

·         Allein der private Investor soll für den Erhalt der denkmalgeschützten Anlagen aufkommen
à Die billigste Lösung für die Kunden der ESWE bzw. die Bürger der Stadt; keine Kosten für den Turm, die mit öffentlichen Geldern beglichen werden müssen

·         Auf dem freien Gelände sollte der Wohnraum im Viertel verdichtet werden.

O        ESWE entstehen einmalig Einnahmen aus dem Verkauf des Geländes (Rund 1Mio € für 4200 m²).

O        Die Stadt erhält mehr Einwohner und damit mehr Kaufkraft und mehr Steuereinnahmen.

Nachteile – der Preis:

·         Um das Geschäft für den Käufer interessant zu machen, werden Restriktionen des Denkmalschutzes gelockert:

O        Der Investor darf den größeren und vom Turm weiter abgelegenen unterirdischen Wasserspeicher entfernen und das Haus des Pumpenwärters abreißen

O        Man lockert Denkmalschutzaspekte hinsichtlich des Inneren des Turmes. Der besondere Wasserbehälter in der Kuppel des Turms und das verbliebene Wasserreservoir am Fuß des Turms bleiben jedoch auf Dauer geschützt.

·         Das Innere des Turms soll für die Öffentlichkeit auf Dauer nicht zugänglich sein.

·         Der Investor erhält das wertvolle Bauland zu einem besonders günstigen Preis, da er bereit ist, auch den Turm zu nehmen.

Die Vorgehensweise:

·         Das Geschäft erhält im Vorfeld nicht viel öffentliche Aufmerksamkeit. Man kann aber wohl auch sagen, dass sich zu dem Zeitpunkt viele das Thema „verschlafen“, da für die meisten Einwohner der Stadt der Turm nicht von besonders großem Interesse ist und da die direkten Anwohner sich relativ sicher wähnen, dass sich niemand finden wird, der sich eine so schlecht nutzbare, aber denkmalgeschützte und kostspielige Immobilie privat zulegt. Als das Ergebnis den Anwohnern präsentiert wird (Ortstermin im Wasserturm), ist alles so gut wie abgeschlossen – geschäftlich wie politisch, denn der Magistrat hätte sicher dafür sorgen können, dass der Turm im städtischen Besitz bleibt – und sei es durch direkten Kauf des Turms von den Stadtwerken. Er tut dies als Vertreter der Öffentlichkeit aber nicht und bekundet so das mangelnde Interesse an einer öffentlichen Nutzung.

·         Die direkten Anwohner werden nur noch informiert – für sie gibt es kaum eine Möglichkeit zur Einflussnahme, da rechtlich gesehen alles „wasserdicht“ ist:

O        Reine Wohnbebauung

o  Größe der Häuser wie laut Bebauungsplan erlaubt

o        Abstände zu angrenzenden Grundstücken wie erlaubt – wenn auch die Aufstellungsplanung insbesondere mit Blick auf Häuser, deren bis dahin sonnige Terrassen und Balkone zum Turm ausgerichtet sind alles andere als rücksichtsvoll gestaltet wird. Einem Haus wird wenige Meter vor die zuvor sonnige Terrasse ein dreigeschossiges Haus gestellt. Die Eigentümer hätten vielleicht gern ein paar Meter zugekauft. Aber so nimmt man heute zu Tage offenbar Rücksicht - nicht nur am Wasserturm und sicher auch nicht nur in Wiesbaden.

·         Ganz offensichtlich erfahren auch an der öffentlichen Nutzbarkeit des Turms und am Erhalt aller Wasserbehälter interessierte Bürger – zu nennen hier insbesondere Herr Dr. Claussen – zu spät von dem Vorhaben, um es noch verhindern zu können. Jedenfalls laufen alle Bemühungen zu dieser Zeit ins Leere, den Verkauf und die Bebauung der Fläche zu verhindern.

·         Die Bautätigkeit beginnt mit geringem zeitlichem Verzug. Der Abrissbagger am zum Abriss freigegebenen Wasserreservoir arbeitete mitten im Wohngebiet auch gern abends zwischen 18:00 und 21:00Uhr, wenn die Anwohner im Garten saßen. Da lagen so manche Nerven blank.

2005                      (W) Es wird ein Verein gegründet, der nach Wegen sucht, den Wasserturm für eine öffentliche Nutzung zu erhalten.

2006                      (W) Die vier neuen Häuser auf dem Gelände des Turms werden fertiggestellt und bezogen. Nur mit Bezug auf die Nutzung des Turms und das dort geplante zusätzliche Wohnhaus tut sich nichts.

·         Der private Investor hat sich ganz offensichtlich hinsichtlich seiner Möglichkeiten verschätzt. Seine Vorstellungen von einer Nutzung des Turms erweisen sich als mit dem öffentlichen Interesse des Denkmalschutzes nicht vereinbar. So steckt er in einem Dilemma aus dem ihn gleich zwei andere private Investoren zeitgleich retten wollen:

O        Die „Living Landmark-Stiftung“

o   Ein Wiesbadener Unternehmer im Ruhestand, der für die Idee einer öffentlichen Nutzung gewonnen werden konnte.

·          Den Zuschlag erhält der letztgenannte Unternehmer. Er möchte den Turm wieder für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Ein Nutzungskonzept gibt es zu der Zeit noch nicht.

2007                      (W) In Zeitungsartikeln wird über Pläne berichtet, den Wasserturm für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Konkretere Angaben werden aber noch nicht gemacht.

Juli 2008              (W) Versuche, den Turm ohne jede rechtliche Grundlage für Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen (es finden plötzlich in kurzen Abständen Veranstaltungen statt, deren Besucher selbst in den benachbarten Gärten anzutreffen sind), schrecken die Anwohner auf, die in diesem Bestreben einen Angriff auf die ihnen zustehende Wohnruhe sehen. Zeitgleich werden in Zeitungsartikeln Überlegungen öffentlich, den Turm durch eine gezielte und intensive Bewirtschaftung und Vermarktung für kulturelle Veranstaltungen zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens zu machen. Damit verbunden scheint die Hoffnung, dadurch mehr öffentlichen Rückhalt für die Erhaltung des Turms zu gewinnen und in der Folge mehr Spenden und öffentliche Gelder zu vereinnahmen.

August 2008       (W) Die Anwohner gründen die „Bürgerinitiative für eine Nutzung des Biebricher Wasserturms mit Augenmaß“, die es sich zu Aufgabe macht, sie vor einer unangemessen hohen Belastung zu schützen, die bei Verwirklichung der oben genannten Strategie ohne Zweifel eintreten würde. Zwar verhindert dies die Baunutzungsverordnung mit Blick auf reine Wohngebiete zumindest theoretisch, die gezeigte Vorgehensweise und die aus Anwohnersicht plötzlich massive Medienpräsenz lässt die Anwohner aber fürchten, dass das Unmögliche irgendwie möglich gemacht werden soll.

·         In einem vertraulichen Schreiben an den Besitzer des Turms wird dieser auf die aus Sicht der Bürgerinitiative eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten aufmerksam gemacht und gebeten, seine Pläne zunächst einmal offenzulegen.

·         In einem Antwortschreiben erfährt die BI, dass es noch keine hinreichend ausgearbeiteten Pläne gebe, die der BI offengelegt werden könnten.

Dez. 2008            (W) Am Ende des Jahres gründet sich der „Förderverein Wiesbadener Aussichtsturm Biebricher Höhe“ mit dem Ziel, Geld zu sammeln und für zunächst 2 Mio € den Wasserturm für die Öffentlichkeit „zu erschließen“. Er ist mit dem oben genannten Besitzer und viel zusätzlicher Prominenz besetzt.
Es gibt einen Pressetermin im Turm, von dem die BI erst im Nachhinein aus der Zeitung erfährt.
Bei diesem Termin wird erläutert, dass neben einer Sanierung der Treppe eine zusätzliche Aussichtsplattform im Innern des Turms angelegt und ein Fahrstuhl eingebaut werden soll. Von der Strategie der umfassenden zweckfremden Nutzung auf Kosten der Anwohner wird nicht ausdrücklich abgerückt.

2008-2009           (W) Die Bürgerinitiative startet den Versuch, mit einem offenen Brief die Mitglieder des Fördervereins und indirekt auch den Magistrat und die Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren. Die Möglichkeit einer auch öffentlichen Nutzung mit Maß wird aufgezeigt. Nach Auffassung der Bürgerinitiative muss die Finanzierung des Turms jedoch auf Grund der Art und Lage des Gebäudes unabhängig von der nur in geringem Umfang möglichen, und vor allem zeitlich gezielt zu steuernden Belebung bewerkstelligt werden. Angesichts der Tatsache, dass auf die Lage des Turms im reinen Wohngebiet vom Förderverein offenbar bewusst nicht eingegangen wird, fürchtet die Bürgerinitiative zudem, dass im zuvor gezeigten „Stil“ fortgefahren werden soll: Dass man den Grenzbereich des Zulässigen bewusst mit der Zeit immer mehr überschreiten will in der Erwartung, dass sich so der Charakter des Gebietes schrittweise ändern lässt. In Ihrem Brief fordert die Bürgerinitiative den Verein auf, von solchen oder ähnlichen „Tricksereien“ Abstand zu nehmen. Es müsse eine Lösung gefunden werden, mit der die Folgen der Entscheidungen der letzten Jahre und insbesondere die Kosten für den Erhalt des Turms nicht zu einem erheblichen Teil auf die Anwohner abgewälzt werden.

Jan. 2009             (W) Zumindest für alle Mitglieder der Bürgerinitiative völlig unerwartet verstirbt Herr Dr. Claussen. Er hat sich seit mehreren Jahren sehr um die öffentliche Nutzung des Wasserturms bemüht. Durch seine öffentlichen Äußerungen sind die Anwohner aktiv geworden, nachdem die Nutzungsüberlegungen zunehmend auch Optionen beinhalteten, die aus Sicht der Anwohner nicht zumutbar sind.

Feb. 2009            (W) In einem Brief an den Vorstand des Fördervereins fragt die Bürgerinitiative nach, ob noch mit einem Antwortschreiben auf den offenen Brief vom Dezember 2008 gerechnet werden darf. In dem Brief beklagt die BI, dass der Förderverein nach wie vor die Anwohner scheinbar bewusst im Unklaren lässt, obwohl es aus Sicht der BI  selbstverständlich sein sollte, dass derjenige, der Einfluss auf die Lebensbedingungen anderer nehmen möchte, auf die betroffenen zugeht, um sie von der Angemessenheit seiner Pläne zu überzeugen.

                                In der Februar-Ausgabe der Zeitschrift „Der Biebricher“ erscheint ein Artikel zum Wasserturm, in dem erneut die Nutzung für private Feiern und standesamtliche Trauungen in Aussicht gestellt wird. Immerhin wird im Gegensatz zu früheren Artikeln in anderen Zeitungen darauf hingewiesen, dass bei einer künftigen Nutzung die Lage im Wohngebiet berücksichtigt werden muss. Aus Sicht der BI ist dies wenigstens ein kleiner Fortschritt.

                                In einem Telefonat mit dem Leiter der Wiesbadener Denkmalschutzbehörde erfährt die BI, dass er mit der Erarbeitung einer Erhaltungssatzung für den Wasserturm beauftragt ist. Die Erhaltungssatzung sei erforderlich, um in den Genuss von Fördergeldern für den Umbau und Unterhalt des Turms kommen zu können. Über Details konnte er zu dem Zeitpunkt nichts sagen, zumal er mit der Arbeit noch nicht begonnen habe.

März 2009           (W) Der Vorsitzende des Fördervereins beantwortet den Brief der BI vom Februar und erklärt dabei, dass er als Vorsitzender des Fördervereins den offenen Brief der BI vom Dezember an den Förderverein nicht als an den Förderverein gerichtet betrachtet habe, da dieser zugleich der Presse zugegangen sei. Er lese aus unserem Brief, dass eine Einigung grundsätzlich möglich sein könne, da auch die Nutzungsüberlegungen des Vereins vorwiegend am Denkmalcharakter des Turms ausgerichtet seien. Er möchte aber über Detailfragen erst reden, wenn die konkreten Planungen abgeschlossen sind, mit denen derzeit ein Architekturbüro beauftragt ist. Er rechnet damit, dass die Pläne im September vorliegen werden und hat zugesagt, dann unaufgefordert mit der BI Kontakt aufzunehmen.
Nahezu zeitgleich erhält die BI ein Mitgliederrundschreiben des Fördervereins – offenbar das erste seit der offiziellen Gründung im Dezember 2008. Die BI wird darin als „Protestgruppe – wie in Wiesbaden nicht anders zu erwarten“ vorgestellt. Aus dem Kontext wird klar, dass der Bitte der BI nicht entsprochen wurde, ihre Schreiben vom Dezember an die Mitglieder des Fördervereins zu verteilen. Mit Blick auf den Namen der BI wird versichert, dass auch der Förderverein eine Nutzung mit Augenmaß möchte und man daher hofft, zu einer Einigung kommen zu können.

                                (W) Die BI beantwortet den oben genannten Brief. Im Antwortschreiben verdeutlicht sie, dass es den Mitgliedern um sehr grundsätzliche Fragen geht, die üblicherweise nicht von Architekturbüros beantwortet werden. Diese Fragen ergeben sich aus Informationen, die der Vorstand des Fördervereins der Presse bereits gegeben hat und die aus Anwohnersicht zumindest kritisch hinterfragt werden müssen. Für die BI ist nicht verständlich, dass der Verein der Presse gegenüber Aussagen zu Nutzungsoptionen und Verkehrskonzepten macht, dann aber nicht bereit ist, genau diese Aussagen gegenüber den Anwohnern zu erläutern und in Beziehung zu den berechtigten Interessen der Anwohner zu setzen. Die BI wiederholt daher die Bitte, möglichst bald zu einem offenen Dialog über die Nutzungsoptionen zu kommen. Hinsichtlich der Frage, ob der Förderverein Adressat des offenen Briefes vom Dezember ist, sieht die BI keinerlei Interpretationsspielraum.

Juli 2009              (W) Vorsitzende des Fördervereins nimmt telefonisch Kontakt mit der BI auf und regt zu einem Treffen an, da er Möglichkeiten sieht, zu Kompromissen zu finden, die auch von der BI mitgetragen werden. Dieses Treffen hat am 25.07.2009 stattgefunden und es wurde darin einiges klargestellt:
So ist und war es nicht geplant, den Turm mit Veranstaltungen und Konzerten „künstlich“ zu beleben; auch Parkplätze für Reisebusse wird es direkt am Turm sicher nicht geben. Der Turm soll nicht vermarktet werden. Bei einem Konzept für Öffnungszeiten und ein Verkehrskonzept sollen die Interessen der Anwohner Berücksichtigung finden. Der Turm soll lediglich eine Funktion als Aussichtturm erfüllen, wobei im Inneren zugleich eine Ausstellung über die Geschichte und Technik des Turms angedacht ist.
Bei solch einem Konzept sieht auch die BI Chancen auf eine Einigung – wobei die allgemeinen Aussagen konkretisiert werden müssten.

Nov. 2009            (W) Es gab ein weiteres Treffen in einem kleineren Kreis, das aber weder die BI noch den Förderverein in der Sache weitergebracht hat.  Stand der Dinge ist, dass sich der Förderverein zunächst um die Finanzierung kümmern möchte bevor konkrete Betriebsszenarien entwickelt werden. Für die BI sind vor allem diese Szenarien entscheidend für eine Bewertung und die entsprechend angemessene Reaktion. Der BI wurde erneut zugesichert, dass sie bei der Entwicklung des Nutzungskonzeptes nicht übergangen wird.

Sep. 2011            (W) Der Förderverein erklärt gegenüber der Presse die Aufgabe seiner Pläne bezüglich der Nutzung des Wasserturms und seine Auflösung. Begründet wird der Schritt mit mangelndem öffentlichen Interesse, das letztlich dazu führte, dass die benötigten Finanziellen Mittel nicht aufgetrieben werden konnten. In dem Zeitungsartikel wird auch deutlich, dass der Besitzer den Turm lediglich gepachtet hatte und der eigentliche Eigentümer nach wie vor jener Bauunternehmer ist, der die Wohnhäuser auf dem ursprünglich zum Wasserturm gehörenden Areal ausgeführt hat.

In der Folge beschließt auch die Bürgerinitiative sich wieder aufzulösen. Zwar wird die Frage wie der Turm genutzt wird für die Anwohner immer von großem Interesse sein. Da es aber nun keine bekannten Planungen mehr für eine Nutzung gibt, die nicht ins Wohngebiet passt, ist ein öffentliches Auftreten der BI als Interessengemeinschaft derzeit nicht erforderlich. Bei Bedarf kann sie sich neu bilden.

                               

Quellen:

Dr. Andreas und Georg Schmidt-von Rhein:  „Von Biebrich nach Wiesbaden: Zwei Städte wachsen zusammen, Auflage 1998“, herausgegeben vom Kur- und Verkehrsverein e.V. – Gesellschaft zur Förderung Wiesbadens
(sehr zu empfehlen – behandelt Biebrich und Wiesbaden unter vielfältigen Gesichtspunkten)

Zeitungsartikel zum Wasserturm Biebrich aus dem Zeitraum von 2003 – 2011

Informationen von Anwohnern – mündlich überliefert – die die Geschichte des Wasserturms von Beginn oder zumindest über einen großen Zeitraum erlebt haben

 

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(Zusammenstellung dieser Seite nach bestem Wissen und Gewissen. Fehler werden sobald sie mir bekannt werden umgehend korrigiert.)
Zuletzt bearbeitet am 12.02.2012

 

 

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